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Forschen zur "Dömitzer Brücke"

Das Forschungsprojekt will den Erinnerungsort ›Dömitzer Brücke‹ wissenschaftlich erschließen und zu diesem Zweck den unterschiedlichen Aspekten von Geschichte und Gegenwart des Bauwerks nachgehen. Neben architektonischen, ökonomischen, militärischen und verkehrstechnischen Faktoren wird dabei insbesondere die kulturgeschichtliche Bedeutung der Brücke als Denkmal der deutschen Teilung im Fokus stehen. Der Kontext von Flucht und Vertreibung, Kaltem Krieg, Erinnerungskultur und Gedenkpraxis, Grenzziehung und Grenzöffnung erfordert dabei einen interdisziplinären und kulturwissenschaftlichen Zugang zum Forschungsvorhaben.

Die Dömitzer Brücke als Erinnerungsort und Fokus der literarischen und medialen Auseinandersetzung mit der innerdeutschen Grenze und der deutschen Teilung

Im September 1871 erfolgte bei Dömitz, der südwestlichsten Stadt Mecklenburgs, der erste Spatenstich zu Errichtung einer neuen Eisenbahn-Brücke über die Elbe. Drei Jahre dauerte es, bis das 1.050 Meter lange Bauwerk eine Verkehrsverbindung zum gegenüberliegenden Hannoverschen Wendland (seit 1866 eine Provinz Preußens) schuf und fortan Personen- und Güterzüge auf der neuen Eisenbahnlinie Berlin-Wittenberge-Lüneburg-Hamburg oder Bremen die Elbe überquerten.

Die Dömitzer Eisenbahnbrücke erreichte aber nie das geplante Verkehrsaufkommen, später wurde sie nur eingleisig genutzt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren es zurückweichende Wehrmachtssoldaten und Flüchtlingstrecks aus dem Osten, denen die Straßen- und Eisenbahnbrücken bei Dömitz die Flucht vor der heranrückenden Roten Armee in den Westen ermöglichten. Die größte Zäsur brachte der 20. April 1945: Alliierte Kampfflugzeuge bombardierten sowohl die Straßen- als auch die Eisenbahnbrücke und zerstörten mehrere Strompfeiler. Die Verbindung über die Elbe war unterbrochen und der Fluss entwickelte sich in den kommenden Jahrzehnten zu einem Teil der immer unüberwindlicher werdenden innerdeutschen Grenze.

Sinnbild der Trennung

Paradoxerweise bildete die Zerstörung der Brücke den Auftakt für die politisch wohl bedeutendste Phase in der Geschichte der Dömitzer Eisenbahnbrücke. Denn das Unverbundene, Getrennte, das Nicht mehr Eins-Sein rückte nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die „deutsche Teilung“ wurde zu dem die folgenden Jahrzehnte prägenden Begriff im Kalten Krieg zwischen Ost und West. Die Dömitzer Brückenruine mit ihren zwei nicht mehr zusammenfindenden, aber immer noch aufeinander zustrebenden Torsi am West- und am Ostufer lieferten ein Bild zu diesem Begriff – sie wurde zum Sinnbild.

Die Brücke transportierte nun nicht mehr Menschen und Güter, sondern symbolisierte auf prägnante Weise die Tragik und das Unnatürliche der deutschen Teilung. Während die DDR das Gelände um die Brücke absperrte und später mit dem Grenzzaun auf dem Deich ihren Bürgern den Blick nach Westen verbaute, avancierte die Brücke in der Bundesrepublik gerade deshalb zur Bildikone. Sie entwickelte sich zu einem - auch politisch - geförderten Touristenziel an der Grenze, der nicht zuletzt als Austragungsort für politische Kundgebungen und Gedenkveranstaltungen eine endrucksvolle und bildmächtige Kulisse bot.

Die Brücke als literarisches Sujet

Nicht nur die Politik, auch die Künste wurden und werden von den Brücken, ihrer Geschichte und ihrer Umgebung angeregt. Immer wieder dienten die Brückenruinen als Sujet für Geschichten über die innerdeutsche Grenze, zum Beispiel in Wim Wenders' Roadmovie „Im Lauf der Zeit“ oder in Volker Schlöndorffs Romanverfilmung „Die Fälschung“. In Erzählungen, Memoiren, Reportagen und Gedichten versuchten Autoren zudem, die spezifische Aura der Elbtal-Landschaft literarisch einzufangen, von Peter Hacks und Hartmut Lange über Nicolas Born bis zu den Büchner-Preisträgern Arnold Stadler und Reinhard Jirgl.

Bis heute beschäftigt und bewegt das Schicksal der Dömitzer Eisenbahnbrücke nicht nur die Menschen vor Ort. Nach der von Protesten begleiteten Demontage weiterer Brückenteile durch die Bundesrepublik und die DDR in den 1970er und 1980er Jahren wurde 2009 der Verkauf des denkmalgeschützten Eisenbahnbrücken-Torsos an einen niederländischen Unternehmer durch die Deutsche Bahn kontrovers diskutiert. Über die Bewahrung der Brückenteile am Westufer, mögliche neue Nutzungskonzepte und die Einbindung in regionale Entwicklungsvorhaben von Tourismus und Naturschutz debattieren Öffentlichkeit und Politik bis heute.

Um die literarische und regionale Auseinandersetzung mit der Brücke eingehend untersuchen zu können, besteht eine enge Zusammenarbeit des Forschungsprojekt mit Axel Kahrs, dem wissenschaftlichen und künstlerischen Leiter der Niedersächsischen Stipendiatenstätte „Künstlerhof Schreyahn“ (Wendland). In der angestrebten Analyse der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Brücke und Teilung“ wird insbesondere das Spannungsverhältnis von relevanten politischen Strömungen und Mentalitäten in der Bevölkerung und der Sichtweise der Künstler zu beachten sein, von denen viele Gast im Künstlerhof (Stadler) oder als ehemalige DDR-Bürger mit dem Thema vertraut waren (Jirgl).

Die Brücke als wissenschaftliches Untersuchungsobjekt

Die Geschichte der 94 Kilometer langen innerdeutschen Fluss-Grenze von Lauenburg bis Schnackenburg wurde vor 1989 nur kursorisch, oft in lediglich dokumentarischem oder politisch-parteilichem Stil, dargestellt. Erst seit der Grenzöffnung kommt es zunehmend zu bundesländerübergreifenden Forschungskooperationen und anderen Aktivitäten zum Thema innerdeutsche Grenze. Allerdings steht nach wie vor die Berliner Mauer als spektakulärstes Objekt der deutsch-deutschen Teilung im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Das an der Leibniz Universität Hannover angesiedelte Forschungsprojekt rückt stattdessen die Dömitzer Brücke als symbolisch aufgeladenes Bauwerk in den Mittelpunkt und leistet damit einen bisher ausstehenden kulturwissenschaftlichen Beitrag zur Geschichte der Grenze, der deutschen Teilung als Erfahrungsgeschichte sowie der Grenzüberwindung nach 1989.