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Die innerdeutsche Grenze im Dokumentarfilm

„Der Stacheldraht … bildet das Leitmotiv zahlloser menschlicher Tragödien“, verkündet der Voice-Over-Erzähler. Dennoch könne die Grenze „verwandtschaftliche Bande nicht zerreißen“. Die Kamera zeigt dabei das dichte Drahtgeflecht und schwenkt dann am Grenzzaun entlang, um die gesamte Länge des Bauwerks anzudeuten und den Schnitt durch die Landschaft zu zeigen. In der Ferne ist schließlich ein Überwachungsturm in Holzbauweise zu erkennen. Einige langsame, tragende Töne unterstreichen die Dramatik.

Geschildert ist ein typischer Auszug westdeutscher Dokumentarfilme über die innerdeutsche Grenze in den 1950er-Jahren. Diese Aufnahmen in schwarz-weiß enthalten die Motive, die die Grenzfilme prägten und bis zum Ende der Teilung bestimmten. In der Sequenz drückt sich aus, wie im Westen der Osten bezichtigt wurde, die Teilung voranzutreiben. Ebenfalls rückt der materielle Ausbau der Grenze ins Bild. Wie zahlreiche Publikationen und politische Reden versuchten auch derlei Aufnahmen von Stacheldraht und Türmen in den 1950er- und frühen 60er-Jahren häufig, an Konzentrationslager zu erinnern und eine Analogie zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus für das westdeutsche Publikum herzustellen. Zudem ist in der Szene die Hoffnung eingebettet, die Teilung bald überwunden zu haben, die Hoffnung, die menschlichen Verbindungen blieben erhalten.

Mediale Zeugnisse des 'Kalten Krieges'

Bereits anhand dieses Ausschnitts wird deutlich, wie der dokumentarische Film zwar die Wirklichkeit abbildet, aber schon durch die Kameraführung und durch die Schnitte eine spezifische Auswahl trifft. Worte und Musikuntermalung ergänzen die Aufnahmen und zielen auf eine persuasive Wirkung. Insbesondere in den frühen Jahren der Teilung operierten die bundesrepublikanischen Dokumentarfilme meist nah der offiziellen politischen Haltung des Westens und sind entsprechend antikommunistisch ausgerichtet.

Die Filme stellen bemerkenswerte mediale Zeugnisse des Kalten Krieges dar, die zusammen mit Fotografien – in Broschüren über die Grenze oder in Printmedien – das Bild prägten, das die westdeutsche Gesellschaft von der Grenze konstruierte.

Während der Westen die Grenze zeigte, um die „Unmenschlichkeit der Grenze“ und die DDR als Unrechtsstaat zu kennzeichnen, blieb die Grenze in Bildern des Ostens meist ausgespart. Dennoch setzte man auch dort auf die Darstellung der Grenze, unter anderem um den „antifaschistischen Schutzwall“ und die „Friedenssicherung“ durch den Grenzdienst zu rechtfertigen. Solche Ausnahmen in ostdeutschen Dokumentationen sollen aufgespürt und den Westfilmen gegenübergestellt werden.

Seit Grenzöffnung und Einheit sind nicht nur in Berlin die meisten Grenzsymbole verschwunden. Wo sich die innerdeutsche Grenze in die Landschaft schnitt, ist heute vielfach das Grüne Band zu erkennen. Die Bauwerke der Grenze aber sind nur noch selten sichtbar. Gerade deshalb sind die Filme, die während der deutschen Teilung über die Grenze und ihre Entwicklung entstanden, wichtige Dokumente der deutschen Geschichte. Sie enthalten nicht nur die visuellen Aufnahmen, sondern betten auch die Diskurse ihrer Entstehungszeit ein. Insofern bieten diese Dokumentationen außerdem Potential für eine anschauliche Vermittlung von Zeitgeschichte, sofern die Filme kritisch hinterfragt und kontextualisiert werden.

Um die verschiedenen Aspekte der Filme und ihrer Entstehungsgeschichte, der zeitgenössischen Diskurse und der Rezeption seitens Medien und Gesellschaft zu untersuchen, verknüpft das geschichtswissenschaftliche Forschungsprojekt Ansätze aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und diversen Theorien.